Samstag, 29.08.2020

Heimreise 04, Heppenheim - Durlach – Rexingen

Immer noch vollgestopft mit Käse peile ich für den Freitag Pforzheim an, das wäre auch durchaus möglich gewesen, hätte ich nicht südlich von Heidelberg das falsche Tal erwischt (keine Schilder, nix, nadda...) und muss mich bei Wiesloch-Rauenberg den rauhen Berg rauf durch unwegsames Gelände in die Ebene zurückkämpfen. Ein Sturzregen durchnässt mich komplett und in Bruchsal hätte ich fast schon dort für die Nacht quartiert. Das hätte meinen schönen Etappenplan allerdings komplett zerschossen. Nach 1 h überlegen bin ich wieder halbwegs trocken und radle doch noch weiter bis nach Durlach. Wieder auf Umwegen, wieder sehr ärgerlich... Durlach hat auch eigenen Wein, in der Kultur und Kultkneipe „Kranz“ gibt es aber nur einen anständigen Spanier, nicht die erste Wahl zu Kässpätzle...Ansonsten eine empfehlenswerte Kneipe.

Das Hotel „Erwin“ in Durlach ist auch ganz Ok, einfach und mit 82€/EZ im Schnitt etwas zu teuer, das liegt aber wahrscheinlich an der Nähe zu Karlsruhe. Traumhaft ruhig, top neues Bad.

Zwischenfazit zur Bergstraße: hätte ich gewusst wie mangelhaft die Bergstrassenstrecke von Frankfurt an bis hierher ist, ich wäre auch nach Worms abgebogen und hätte den Rheinradweg gewählt. Diesen kenn ich schon und der ist auf jeden Fall für die Weitwanderung die bessere und schnellere Option.

Samstag früh weiter, ich möchte wieder auf die Etappenplanung kommen, so geht es durch das Pfinztal bis Pforzheim mit dem Zug, das kenn ich schon, und ich werde die 25km bei Gelegenheit nachholen, versprochen. Bzw. ziehe ich die einfach vom Umwegkonto ab, dann stimmt's auch wieder.

Von Pforzheim geht es schööön das Nagoldtal hoch. Das geht auch sehr fein, meistens geteert hat aber bergwärts einige richtig miese Rampen drin und ab und zu nur Splitbelag. Dieser ist jedoch fachgerecht verdichtet und mir allemal lieber als die ausgeschwemmten Wurzelwege in SH. Bad Liebenzell lockt mit Heidelbeerkuchen, ab Nagold wird es steiler, bis ich gemerkt hab dass ich wieder mal im falschen Tal bin ist es zur Umkehr zu spät, so muss ich in Haiterbach nochmal über einen knackigen Höhenrücken, werde dafür mit einem herrlichem Blick auf die Alb entschädigt und erreiche dann trotzdem über Altheim mit etwas Reststrom Rexingen, Hotel Mama.

Hier habe ich im Frühjahr erstmals Station gemacht und es ist eigentlich klar dass hier auch die letzte sein soll. Morgen, Sonntag geht es nach RW, wahrscheinlich aber mit dem Zug, es ist heftiger Dauerregen angesagt...

 

Donnerstag, 27.08.2020

Heimreise 03, Gedern – Heppenheim

 

Von Gedern bis Frankfurt sind es rund 70 km, der Vulkanradweg würde zwar in Hanau enden, ich entscheide mich aber für das Rheintal weil mir das mehre Optionen bietet falls das Wetter endgültig kippt und die Reise mit der Bahn beendet werden muss.

Man bewegt sich längs der Nidda talwärts, beste Wege, angenehme Windverhältnisse bis Nidderau, dann wird’s hügelig, Radwegnetz mangelhaft bis abgängig, so muss ich auf die Landstraße ausweichen, verliere etwas die Orientierung und erreiche irgendwie über Vororte und Randbezirke die Bankenmetropole Frankfurt/Main. - Radwegnote: Mangelhaft. Fährt man nicht gerade am Main entlang ist ansonsten radwegmäßig Pustekuchen, ein Armutszeugnis... Auto gefahren wird wie die Sau, es ist Geld da für SUVs en Masse. Wenn man bedenkt, dass in Frankfurt Downtown innerhalb von Millisekunden Milliardensummen verdient und verzockt werden und für Radwege fällt nichts runter. Peinlich, peinlich... In Frankfurt ist es nicht nur Scheiße zu radeln, es ist auch noch Scheiß gefährlich: Ich fahre an einen Unfall heran und muss mit ansehen wie gerade ein Radelbruder leblos in einen Krankenwagen verfrachtet wird. Auf der Strecke bis Darmstadt noch zwei „Geisterräder“ am Straßenrand. Ich bin gewarnt, hier sind Radfahrer zum Abschuss frei gegeben.

Ich nehme einen Kaffee in der „Bornehmer Bergstraße“, da ist man einigermaßen sicher vor Automobilisten, und mache mich auf schnurgeradem Weg Richtung Darmstadt auf.

Meist geht es in Ermangelung von Beschilderung an der B3 entlang, teils auf richtigem Radweg, teils auf dem Randstreifen direkt an der Fahrspur, Lastwagen, SUVs brttern vorbei und erfordern höchste Konzentration, ich gebe richtig Gas auf das mich keiner erwische...

Anyway, die Strecke ab Hameln und von der Weser über das Fuldatal an den Main hätte nicht besser sein können, ich hätte nicht gedacht dass ich mich so ungerupft durch die deutschen Mittelgebirge schlängeln kann. Weser Bergland, Kassler Höhen. Röhn, Vogelsberg, Spessart, Taunus, alle nur von Weitem zu sehen – Die Bahn als Brückentechnologie für Radmobilität. Das muss irgendwie schon bei der Schöpfung so vorgesehen worden sein... Jedenfalls schöner, ruhiger und viel besser ausgebaut als die Mittelrheinroute zwischen Köln und Mainz.

Darmstadt ist noch schlimmer als Frankfurt, das bestätigt mir auch ein Rennradler der lieber nach Worms ausweicht. Ab Darmstadt, oh Wunder, ein beschilderter Radweg an der Bergstraße entlang, leider auch meist an der Bergstraße für Autos, welche allerdings meist nicht arg befahren ist (während ich sie nutze). Jeder Versuch von der Straße weg durch die Pampa auf Nebenstraßen oder das regionale Radwegnetz auszuweichen sind erfolglos. Nach einigen Umwegen landet man immer wieder auf der Landstraße. Die Umwege durch den Wald oder die Weinberge sind anstrengend, kosten Energie und sind frustrierend. Trotzdem schaffe ich es bis Heppenheim, kehre in dem etwas ältlichen aber sauberen Hotel „Michels Heppenheim“ ein. Und nehme mein Abendessen im „Schwan“ zu mir, es gibt dort traditionelle hessische Küche, soll heißen, Unmengen von Käse, Hand und Fuß und Kochkäse, mit einem herrlichen selbstgemachten Bauernbrot und mit der entsprechenden „Musik“. Dazu Wein aus der Gegend. Tatsächlich baut man hier schon Syrah aus, der ist zwar schon ganz brauchbar vom Öchslegrad her, jedoch halt auch so ein Resultat des Klimawandels...

 

Mittwoch, 26.08.2020

Heimreise 02, Bodenwerder - Hann. Münden – Bad Hersfeld – Gedern

Früh geht es weiter flussaufwärts, den wirklich super ausgebauten und perfekt beschilderten Weserradweg entlang der Weser. Die Steigung ist sanft und es ist nicht zu warm, ideales Fahrradwetter – bis auf den Gegenwind der mittlerweile Nordseequalität erreicht hat. Das ist schon etwas frustrierend, egal in welche Richtung ich fahre, es bläst mir direkt ins Gesicht – jedenfalls meistens. Doch schon die Frühjahrestürme in Brandenburg und MeckPomm haben mich nicht entmutigt außerdem will ich heim und solange es nicht auch noch regnet geht’s ja. Landschaftlich ist die Strecke wirklich toll, erinnert an das Obere Donautal, Holzminden, Höxter, Bad Karlshafen heißen die Orte wo es Kaffee und Kuchen gibt. Nette aufgeräumte, dem Touristen gefällige Fachwerkromantik, sonst auf den zweiten Blick eher strukturell mau. Etwas Landwirtschaft im Tal, Traktoren die staubige Äcker pflügen – wie überall. Ich würde sogar klaglos nass werden, Hauptsache mal wieder Wasser für Wald und Feld.

Relativ spät und nach ca. 120km erreiche ich Hannover Münden wo sich Werra und Fulda zur Weser vereinigen. Die Werra war in den 80ern wie ich mich noch gut erinnern kann, eine tote Kloake, ungeklärte Abwässer aus der Düngemitteleproduktion flossen aus dem Arbeiter und Bauernstaat ungehindert über die Grenze, noch heute werden die Grenzwerte knapp gerissen in der Hoffnung dass sich dass schon irgendwie verdünnt, tut es aber nicht.


Ich steige ab im Fachwerkhotel Eisenbart, ein neu und tipptopp renoviertes Haus, selbst der Fachmann staunt über die kreativen Lösungen, ein Aufzug wurde in das verschachtelte Gebälk gepfrimelt, perfekter Schallschutz, edle Materialien und von Könnerhand gezogene Putz- und Streichkanten an den Materialübergängen, Silikonfugen wie man sie selten sieht, ein rundum gelungenes Werk, Chapeau! Und gute neue Matratzen. Es ist Sonntag, als ich ankomme noch sehr viele Leute auf der Straße, unter großem altem Fachwerk es gibt reihenweise Eisdielen. Später auf Abendessensuche, Gehsteige hochgeklappt, beim Pizzaimbiss fündig geworden, Quattrofromggio, ich bejahe die Frage nach meiner Zufriedenheit und der wirklich nette Pizzabäcker gibt zur Antwort: „Gott sei Dank.“ - Was immer das heißen mag...

Die nächste Etappe führt mich die Fulda hoch über Kassel nach Bad Hersfeld. Durch Kassel bin ich schnell durch, nur kurze Wasseraufnahme, Metropolen meiden heißt die Devise. Der Fuldaradweg hat etwas mehr fiese Rampen, das schenkt sich aber hoch wie runter nicht viel. Guter Asphalt sorgt trotz immer heftigeren Gegenwinds für super Akkureichweite, ich bin dadurch etwas leichtsinnig geworden was sich noch zeigen wird. Die Landschaft ist ähnlich wie an der Weser, schön aber unspektakulär. Man hört ab und zu die nahe A7, die Brückenbauwerke der ICE Strecke queren das Tal. Radstrecke meist auf Wirtschaftswegen der nach dem Brückenbau durchgeführten Flurbereinigung im Zick Zack. Bei Beiseförth gibt es eine Fahrradfähre wo man sich mit einem Hängekäfig selbst über den Bach kurbeln darf. Das macht Spaß, einer alleine hat da ganz schön war zu driebeln, fast am Ziel packt mich eine Windboe und es schaukelt bedenklich – bester Funfaktor. Rettungsring und Notrufnummer sind an der Gondel angebracht...

Es läuft ganz gut, so dass ich auf die Etappe noch 30km mehr drauf packe als geplant. 10km vor Bad Hersfeld muss ich den Strombetrieb massiv einschränken, teils ohne, teils im ECO-Modus mit fast keiner Unterstützung quäle ich mich die letzten Meter in die Stadt, das Ganze endet fast wie ein Jamesbondshowdown - Range: 4km... So kanpp wars noch nie, doch ich kann zufrieden sein - über 130km mit Gepäck, Gegenwind und sanft zwar doch stetig bergan – Sauber gschafft!

Hotel am Park, einfach nett und unkompliziert. Astreines Radlerfrühstück mit Superfoodbereich. Spaziergang durch den Ort - romanische Klosterruine mit Frei-Otto-Bedachung für Bad Hersfelder Festspiele, Luther war auch schon da und hat trotz Verbot heimlich gepredigt – morgens um fünf – es waren wohl schon Leute munter, sonst wüsste man das ja heute gar nicht... Der hiesige Pizzamann spricht mich mit „Sir“ an – nach jedem Satz – muss wohl eine Verwechslung sein...

Würde ich der Fulda weiter folgen würde ich zu weit in den Osten abgedrängt, hier drohen die Täler von Main, Jagst, Kocher, Tauber und Rems die es zu queren gäbe um irgendwo im Nirwana der Ostalb zu landen – ich kenn mich da aus. Ich will auf jeden Fall den Großraum Stuttgart umfahren und entdecke den s.g. Vulkanradweg der auf ehemaligen Bahnstrecken vom Fuldatal nach Hanau führt. Ist zwar auch nicht der direkte Weg, klingt aber interessant.

Supergefooded geht es noch eine Weile an der Fuda entlang, bei der Burgenstadt Schlitz biegt man nach Westen ab um vom „Schlitzerland“ die Höhen des Vogelsberg zu erreichen. Das ist jetzt wirklich fast der reizvollste Abschnitt meiner Tour, sehr einsam, ab und zu kämpfen sich ein paar unentwegte Radler mit mir gegen den Wind, die Strecke geht in weiten Schleifen, mit den üblichen 2-3% über die sanften Bergrücken, auf Flüsterasphalt durch karge steinige Basaltäcker, Magerwiesen, Eichenwälder, tolles Sicht auf die Röhn. Waldschadensbericht bestätigt. Die Bahn brachte bis zur Stilllegung Mitte der 80er etwas Wohlstand hier herauf, Holzhandel, Milchwirtschaft, Kleinindustrie, Basaltbrüche, in früheren Zeiten Erzbergbau, heute ist es ruhig geworden hier oben. Wo heute etwas Tourismus ist, kam weiland Luther durch, auf seinem Weg von Worms zur festen Burg nach Eisenach. Irgendwo bei Rixfeld, mords Anlage auf der Wiese dicke Rohre aus dem Boden, was ist das den... Eine Erdgas-Verdichterstation – Ahh-Ja! Höchster Punkt.

Dann irgendwo bei Hartmannshein ist die Wasserscheide zum Rhein hin erreicht, bei dem ehemaligen Holzverladeplatz senkt sich der Weg leicht ab und die nächsten 12 km bis Gedern kann ich es laufen lassen, ohne Treten, mein hohes Transportgewicht, welches so nachteilig bei der Bergwertung, teilt den Wind wie Moses das Meer, ich kann es fast nicht Glauben, nach den hunderten Kilometern seit NN.

Ich steige ab in der romantischen Villa Geriwada, ein Gästehaus in der alten Hofapotheke von 1728 dem Schlosshotel zugehörig. Auch neu und gut renoviert, etwas zu verspielt, Kronleuchter aus Blech in Antikoptik, Einrichtungsnippes honeymoonlike. Egal. Frühstück gibt es im Schloss, immer wieder erstaunlich wie klein Frühstücksteller sein können, Müslischalen pittoresk Aristokrat, nicht wie für radelnde Schwerstarbeiter gemacht. Im Restaurant des Abends, etwas zu teures Corona-Notmenü + 2.50€ Hygieneaufschlag. Für diesmal OK.
Mittwochabend meine Quattrofromaggio beim Dönermann - ohne Aufschlag.

Die Matratze ist gut, es ist ruhig, draußen tobt Kirsten das Tal hinauf, so mache ich hier meinen Ruhetag, Gedern selbst, schmucklos aber funktional, das Schloss hebt sich von allem ab. Spaziergang rund um den Ort, Wissenswertes über die Gegend, Geologie, Basaltsteinbruch Geotop, Einblick in Erdgeschichte und Nutzung von Basaltgestein. Aussichtspunkt, Blick zum Taunus, zum Maintal bis Frankfurt. Museum im Schloss, Ausstellung und Topographisches Model der Vogelsbergbahnline, interessant und gut gemacht. In der Remise ist eine Seifensiederei untergebracht mit experimentellen Sorten, da duftet es vielleicht...

Morgen geht es weiter bergab Richtung Rhein/Maingebiet, ich glaube ich nehme meine eigene Müslischüssel mit zum Frühstück – sonst komm ich nicht weit...

 

 

Samstag, 22.08.2020

Heimreise 01, Bargteheide - Soltau – Lehrte - Bodenwerder

Vorab die Strecke in etwa ausgekuckt, grob orientiert an der Luftlinie und der A7, umfahre ich östlich Hamburg und quere ein letztes Mal mit der Fähre die Elbe bei Kirchwerder. Meist neben der B3 geht es recht zügig voran und die erste Etappe endet in Hotel Park Soltau. Sehr nett sehr freundlich und zuvorkommend, Abendessen und Frühstück vom Büfett, so komm ich früh morgens wieder weg. Vom Heidepark sehe ich nur die hohen Bögen der Achterbahn, von Soltau nur den Pennymarkt zur Wasseraufnahme. Die 10km Umweg wegen Sperrung eines Bahnübergangs und mangels Beschilderung im Wald endender Weg sind ärgerlich, von der Heide selbst ist längs der Straße außer ein paar Kräuterwiesen recht wenig zu sehen. Um Strecke zu machen bleib ich bis Celle an der Bundesstraße, das Wegenetz ist touristisch Regional, Durchgangsstrecken sind schlecht beschildert, Dorfhoppering auf Nebenstraßen, Ortschaften idyllisch, Misthaufen, Stallgeruch, Hannoveraner. Es ist echt nochmal heiß geworden, so gibt es in der Fachwerkstadt Celle das Mittagseis, schlaue Sprüche an den Fassaden, ein Glockenspiel spielt Choräle und „Wem Gott will rechte Gunst erweisen...“. Passt.

Ich bin für den Tag gut in der Zeit und wage nochmal das Nebenstreckenexperiment über die Dörfer. So schaffe ich es nicht bis geplant Hildesheim und lande schließlich in Lehrte. Eine ältere Dame bei Burgdorf nach dem Weg gefragt antwortet wie aus der Pistole: „Was wollnse den in Lehrte...???“. Die Frage amüsiert und beschäftigt mich die letzten 10km. In dem vorab ausgekuckten billigen Hotel, Recherche: Lehrte, ehemals Industrie und Bergbaustädtchen im Einzugsbereich Hannovers hat die bessere Zeiten gehabt, Stadt und Hotel von eher derbem Scharm, Förderturm, Kalihalden. Früher wichtiger Knotenpunkt der Bahnstrecke Hannover - Berlin ist Lehrte Namensgeber des Berliner Hauptbahnhofs, auch interessant.
Lt. Wikipedia sind u.a. bekannte Persönlichkeiten der Stadt, Gerhard Schröder, Ursula v. d. Leyen und Reinhard Mey, breitgefächerter geht’s kaum.

Im Hotel weitere Streckenplanung unter Berücksichtigung der zu erwartenden Topographie. Wenn ich über Hildesheim, Göttingen nach Kassel will bleibe ich irgendwann im Weser Bergland stecken, so mach ich einen diskreten Schlenker nach Osten, durchquere die „Deister Pforte“ um bei bequemer Steigung die Rattenstadt Hameln an der Weser zu erreichen. Vor mir liegen nun die Flusstäler von Weser und Fulda, Qualitätsradwege mit vielen Schleifen zwar, dafür keine beunruhigende Steilstrecken, Radreiseinfrastruktur, beste Beschilderung und hochwertige Wegebau. Nach den Strapazen der letzten Wochen echt was zum Vorfreuen.

Das Wetter hält, so beziehe ich nahe der Münchhausenstadt Bodenwerder auf dem Campingplatz „Himmelspforte“ für 2 Nächte Quartier. Günstiges Frühstück in der Stadt, wie ich vom Nebentischgespräch erfahre, in der Gegend mit den niedrigsten Lebenshaltungskosten der Republik, in der Tat.

Auf der perfekt ausgebauten Strecke viele Radreisende, die 5-köpfige Familie mit Säugling und Zelt, viele Ü60er und weit drüber. Neben den Wohnmobilisten echter Wirtschaftsfaktor. Der Radreisende konsumiert aus Transportgründen i.d.R. unterwegs. Ich bin genügsam, koche meist selbst und verbrauche im Schnitt je nach Unterkunft Zelt/Hotel zwischen 50 und 100 €/Tag, (Durchschnittlich ca. 65€), kaufe regional, Radreisende sind keine Billigtouris. Investiert in Radwege!!!

Die letzten 3 Tagesetappen waren rund 300 km, d.h. ein knappes Drittel der Heimreise liegen hinter mir. Die Strategie, 3 Tage knüppeln, ggf. aus Zeitgründen ins Hotel, dann 1 Off-Day im Zelt möchte ich so beibehalten. Bis Fulda wird es bequem sein, danach muss neu geplant werden, es wird dann u. U. noch recht hügelig bis zum Neckar. Klar ist jetzt schon: es geht prinzipiell bergauf und gegen den Wind. Der Dude packt das!

Mittwoch, 19.08.2020

Bargteheide, Lübeck, Hamburg und dann ab gen Süden

Unter Bargteheide kann man sich wohl weniger was vorstellen, kein erklärtes Traumurlaubsziel, für mich aber ein besonderes Highlight der Reise. Liebe Freunde, schöne, kluge, witzige Gespräche im „geschützten Raum“. Nachdem ich über die ganzen Wochen nur wenig ansprechende Konversation hatte, halt fast nur mit den Beherbergungsleuten, Reise- und Versorgungsdiensteistern oder ggf. mal ein Smalltalk über das Übliche mit anderen Reisenden, so war das natürlich sehr angenehm, auch mal wirklich „zu Gast“ zu sein, sich zurücklehnen zu dürfen, für ein paar Tage eine richtige Heimat zu haben. Unvergesslich, vielen lieben Dank.

Der Weg dorthin war unspektakulär, schöne Landschaft in Schleswig Holstein, Genussradeln wenn nicht die Wege... Etwas Nettes gab es trotzdem, zwischen Neumünster und Bad Segeberg wird die B 205 neu gemacht, geteert ist schon aber es ist noch gesperrt für KFZ, eigentlich komplett... Samstag arbeitet niemand, ich kurz durch die Hecken, den Graben und Schwupps, 20km Highway vor mir, jungfräulicher Macadam, schwarz, glatt wie Speckstein, ganz alleine für mich, quasi ein roter Teppich für den geschundenen Radreisenden. Schöne Slalomfahrt über die ganze Breite, Glücksmomente, unbeschreiblich. Ach könnte es doch immer so sein...

Wer's nicht weiß, Bargteheide liegt zwischen Hamburg und Lübeck, wer zufällig hinkommt und Wert auf lecker Eis in großen Kugeln legt sollte die bahnhofsnahe Eisdiele aufsuchen. Die Bahnanbindung ist pendlergerecht in beide Richtungen, so sind meine Tagesausflüge quasi von selbst organisiert.

In Lübeck war ich noch nie, das 50-Demarkschein-Tor kennt man, wer nach drinnen will, mit 8€ ist man dabei. Interessant drinnen ist das Stadtmodell, ein bisschen wissenswertes zur Historie gibt’s auch, aber eher bescheiden. Es ist Montag, Museen sind zu, Kirchen sind offen, schlendern durch die Gassen. Einiges an Substanz hat den Krieg überstanden, an den typischen engen Durchgängen zwischen den Häuserzeilen die Bitte angeschlagen, wegen Einhaltung der Abstandsregeln auf Betreten zu verzichten. Voll in Ordnung. Ansonsten, lebendige Stadt, normales Leben scheint möglich trotz Touris, normale Geschäfte für alltägliches, nette ruhige Ecken, lauschige Plätze, Studentenleben. Hanseatisch schlichter Prunk, vordergründig gleiches Baumaterial wie profaneres, nur eben größer und im Dekor diskret prunkvoller. Dies und teure Nippesläden bezeugen, Gelder sind vorhanden heute wie einst.
Hohe Kirchtürme, die Backsteingotik nach immensen Kriegsschäden geflickt, neu aufgebaut, teils krumm und schief. Auffällig viele Stolpersteine... Ein Highlight, zufällig gesehen beim Besuch der Aussichtsplattform auf dem Turm von St. Petri (unbedingt!): Die Kirche ist Kunstraum, aktuell installiert, ein Bällebad für Erwachsene. Der Kirchenraum angefüllt mit aufblasbaren bunten Bällen ca. 2,5 m hoch, man kann sich durchzwängen, die Bälle wegschieben, alles bewegt sich, man schiebt in die eine Richtung, der Impuls setzt alles in Bewegung, drängt sich Dir entgegen, plötzlich sind alle Auswege verstellt, ein ganz anderer Weg tut sich auf, Richtungswechsel, ein Irrgarten. Wie im richtigen Leben, eben.

Noch ein Ausflug, Hamburg. Hätte ich eigentlich ausgespart, das einzige wäre ein Sinfoniekonzert in der „Elpi“ gewesen, aber abgespecktes muss nicht sein. Andererseits war ich natürlich schon neugierig, das letzte Mal war ich hier vor 23 Jahren. Seither ist einiges passiert. Die ganze Hafencity gab's noch nicht, der Raum südlich der Speicherstadt war runtergekommenes Industriegelände und Lagerplatz. Viel Gerümpel. Jetzt ist dort eine ganze neue Stadt entstanden, vom Reißbrett. Nicht ganz übel, es entsteht Infrastruktur, Kneipen, Backshop, Bioladen und die unvermeidlichen Bars und Lounges für den Afterworkburner, sprich, das Feierabendbier der modernen KontoristInnen.

Bemerkenswert ist, es gibt zwar breite Straßen, der Autoverkehr ist aber eher untergeordnet, Fußwege, Plätze, Kanäle, Quais, überall hängen Leute ab, modernes, hippes Leben, hippes Wohnen, Elektroscooter. Die Architektur der Gebäude muss einem gefallen, zeitgemäß und ordentlich teuer. Immowelt gibt bekannt: Loft, 149m² 8,4 Millionen... Da ist man auf Augenhöhe mit den Kapitänen der Luxuskreuzfahrer, doch wenn diese aufs Gas drücken kommt ordentlich was rüber geweht. Sag nochmal einer Geld stänke nicht... Trotzdem beeindruckend. Meine Reisekasse erlaubt ein kleines Pils in der Mönkebergstraße - nein, ich möchte nicht tauschen.

Die Pause in Bargteheide hat sehr gut getan. Der erste Frühnebel drängt den Zugvogel zum Aufbruch gen Süden. Körper und Geist sind frisch gestärkt, Fahrrad ist geputzt, Kette ist gereinigt und geölt, Akkus sind geladen, die Heimreise beginnt.

 

Donnerstag, 13.08.2020

Grönwohldcamping bei Noer

Nach dem wirklich guten Frühstück bei Fräulein Möhls in Rendsburg, es ist Wochenmarkt und die Szenerie gediegener Provinzialität erinnert an Daheim..., geht es wieder am NOK entlang, kurz vor Kiel in Sehestedt nach Norden über Land an die Ostsee. Schöne Gegend, wellig, hügelig wie Klein-Oberland, Kornfeld, Maisfeld, hinter den Hecken, ohne Vorwarnung - die Ostsee. Campingplätze zu Hauf, Ferienende lässt auf Kapazitäten hoffen, war dann auch so – zunächst. 800m von der Rezeption bis zur Zeltwiese, ausgezeichnet durch die Strandnähe, Wind böig von Ost, permanent. Sonne, kein Schatten. Der heftige Wind streicht laut durchs Dünenröhricht und macht schlaflos, dafür gibt’s ein exzellentes Perseidenfeuerwerk gratis.

Donnerstag, Ausfahrt ins nahe Kiel, man kann über die Straßenhochbrücke radeln, super Ausblick, schwindelerregend. An der kilometerlangen Promenade entlang zum Zentrum, fast mediterranes Flair, Zentrum selbst wie überall, Stuttgart Königsstraße halt. Offenes #SH-WLAN will für wackeliges 3G an Küste entschädigen. Rund um die Kieler Förde, die bewaldeten Ufergrundstücke lassen auf betuchtes Klientel schließen. Man sieht nur die Garageneinfahrt. Und die ist besser geteert als die öffentliche Straße über die Dein Rad hoppelt. Siehste wohl – das ist halt der Unterschied, merkste selber.

Bis nach den Edelbadeort Laboe, dann übersetzen lassen nach Falkenstein. Fähre kostet jetzt wieder was. Letzten Blick auf die ausfahrenden Schiffe aus dem NOK. Das entschleunigte Idyll täuscht leicht drüber hinweg, die christlich Seefahrt ist ein bockelhartes Geschäft, die Frachtkosten sind niedrig, die Margen sind klein, gespart wird an den Personalkosten und am vermeiden teurer Beflaggung. Ich mach das jetzt auch so: mexikanische Flagge ans Fahrrad – kannste bei Rot durch...

Abends am Camping, es geht gegen Wochenende, es scheint nochmal schönes Wetter zu werden – die wirklich große Zeltwiese füllt sich merklich – mit Wohnmobilen. Natürlich ist das ein schöner Platz, natürlich will alles ans Meer. Das Rattenrennen um die Steckplätze am einzigen Stromkasten hat etwas Entwürdigendes. Trutzige Wagenburg in Kabellänge von der Zapfstelle, vor Angst die Butter im Kühlschrank läuft davon oder noch was schlimmeres. Dabei gäbe es kaltes Bier genug vorne im Laden. Mann Mann Mann...

Windige Nacht, morgens schon weitere Wohncamper. Bei Kaffee und Müsli kommt es über mich wie einem alterfahrenem Zugvogel: Es ist Zeit. Ich hab gesehen was zu sehen war, eigentlich wollte ich noch ein bisschen hier Rumcruisen, etwas Baden vielleicht, Strandspaziergang, etc. was man halt so macht im Urlaub. Akkus sind geladen, ohne viel Getue, Geschirr abwaschen, Zelt abbauen, einpacken, erstaunte Blicke der Nachbarn genießen wie jedes Ausrüstungsstück in den Taschen auf dem Rad seinen Platz findet. „Gell, das hätten sie nicht gedacht“ und ohne dem Meer nochmal einen Blick zu schenken, Tschüssikowski, schönen Urlaub noch.

Es war mir eh im Hinterkopf die Heimreise irgendwie zu einer Reise an sich zu machen. Über 10h im Zug eingesperrt mit Maske auf – nach all der unbeschwerten Zeit im Freien, ein Greul. Vielleicht in Etappen, ein bisschen Fahren, ein bisschen Zug, mal sehen.
Die Wege von der Küste Richtung Kiel passabel, bis hier her reicht der kurze Arm der Landesebene, man will ja an den Strand. Um die Nordseeküste soll sich Berlin kümmern. Landwirtschaftsubventionen für Strukturschwache Gegenden gehen per Schiff nach Riga, der Rest wird auf den Deich gepackt. Da bleibt nicht viel über für uns lausige Radwanderer. Und weil die Radwege in SH so schlecht sind muss der Bundesbescheuerte für Verkehr ja auch mit dem Flieger von Hamburg nach Sylt. So ein Depp.

Ich finde bei Neumünster einen netten Platz mit kleinem Badesee angenehmer Temperatur. Was ich schon immer sage, das Meer an sich wird völlig überbewertet. Schon schön, windig, sandig, meistens nicht da. Am Badesee in Padenstedt rauscht übrigens auch was, auf der benachbarten A7 bin ich ja auch im Frühjahr schon durchkommen...

Von hier aus geht’s morgen nach dem wunderschönen Bargteheide, meine lieben Freunde aus den frühen Mexikotagen besuchen. Da verbringe ich das Wochenende und plane mal grob durch wie weiters zu verfahrradfahren ist. Luftlinie von dort bis Rottweil 630km – Zeit 2 Wochen. Ein Klacks.

Dienstag, 11.08.2020

Rendsburg am Nok

Den Abschied von der Nordsee leicht gemacht sei der Umstand, der nachbarschaftliche Hamburghanseat und Dauercamper, nennen wir ihn Albert, hat mit Gästen und Frau, vielleicht Bärbel, und der Campingbetreiberin, Andrea, und noch einigen mehr, direkt neben mir in seinen 60ten rein gefeiert. Ein nie gehörtes infernalisches Gegacker und Gequicke der Weibsleut, Albert, ein Schwätzer vor dem Herrn erklärt die Welt wie sie ihm gefällt, spät der Aufschrei einer der Gackernden: „Jeh! schon 1.33 Uhr! – ja sind wir den bekloppt?“ Die Antwort ist: Ja. Soviel zum privilegierten Platz... Radwanderer kommst Du nach W... - Nimm die Zeltwiese, jenseits Alberten, ist besser so.

Übernächtigt entschwinde ich vom Nordseestrande früh des Morgens, ohne Kaffee und Müsli gen Rendsburg. Um nicht wieder in die Abseitsfalle zu treten radle ich an der Bundesstraße entlang, ab Wesselburg sogar einigermaßen ebenen Teeres, die knapp 80km flott runter und erreiche noch vor Mittag das sympathische Rendsburg, checke im historischen Pellihof ein und mach erst mal ausgiebig Siesta. Unterwegs waren die Ackerbauern kräftig am Ernten, die Sonne brennt, das Korn ist reif, es wird gedroschen was das Zeug hält. Das vom Eiszeitgletscher hergeschobene Gelände ist hier sanft wellig, ich kann sogar mal ab und an eine Strecke bergab einfach rennen lassen ohne zu treten. Der Kies unterbaut die Teerschicht unter den Reifen gegen Auf- und Absinken, Genußradeln.

Die Ferien sind vorbei in SH, so tummeln sich im Städtle die Einheimischen, es geht ruhig zu in den Gassen der Altstadt, Einkehrempfehlung: „Fräulein Möhls“. Dominant über der Stadt die monumentale Eisenbahn-Hochbrücke über den Kanal. Ich löse mir ein Ticket für eine Station, in weitem Bogen geht es um die ganze Stadt um über die aufschüttete Rampe und die sanft steigende Stahlkonstruktion die Höhe zu erreichen um den Schiffen die reibungslose Kanalfahrt zu gewähren. Tolle Sache, hat was von Schwarzwaldbahn nur in luftiger Höhe und ohne Tunnel. In Schülldorf angekommen, 1h Aufenthalt, bollenheiß, kein Getränkeautomat, das hat was von Eutingen im Gäu nur kleiner und abseitser. Nachbars Brombeerhecken ragen ungestutzt in das Bahnhofsgelände, so ist die Stunde schnell vorbei und es geht zurück über schwindelnde Höhen. Nachts bei offenem Fenster hört man das Rattern des Zuges über die Stahlkonstruktion in der ganzen Stadt bis weit ins Land.

Es gibt noch eine Möglichkeit die Seiten zu Wechseln. Neben Hochbrücke und Autotunnel existiert ein Fußgängertunnel, allein die 2 minütige Rolltreppenfahrt in die Tiefe um auf die 21m unter NN zu gelangen macht Spaß.
Auf der anderen Seite Schiffe beobachten. Die „Bugoe“ die unter liberischer Flagge fährt hat schon seit gestern im Hafen frisch gedroschenes Getreide gebunkert und dreht unter fröhlichem Schiffsirenengetute langsam Richtung Ostsee ab. „Marinetraffic“ gibt Auskunft: Kurs Riga. Jetzt wo ich schreibe ist sie schon fast um Fehmarn rum, gute Reise, frisches Brot für die Welt. Ansonsten wenig Verkehr auf dem NOK, Sportboote dominieren. Die Hängefähre gäbe es es auch noch, doch die ist leider in Reparatur.

Morgen nochmal „Arbeiterfrühstück“ bei Fräulein Möhls, dann ab an die Ostsee, solang noch Badewetter ist.

Sonntag, 09.08.2020

Wesselburenkoog am Eidersperrwerk

Nach der idyllischen Ruhe am Hohenkamp geht’s zunächst durch Hinterland, Ziel wieder Nordseeküste, ich wollte quer durchsacken nach Büsum, das war aber weniger Toll, die Radwege entsetzlich, Beschilderung rar, ein paar mal vor einem Maisfeld gestanden, also zurück zum Deich, da hat man wenigstens eine vorgegebene Richtung.

Leider sind die Radwege überall in SH wo ich war total am Arsch, es gibt überall welche, das bisschen Teer auf sandig Untergrund ist dieser quer zur Fahrtrichtung entweder von Wurzeln aufgeworfen oder von der Entwässerung unterspült. Heißt, alle 3-5 Meter ist quer zur Fahrbahn eine fiese Delle nach oben oder unten, flottes vorwärtskommen Fehlanzeige. Leerfahrten mit gemächlichem Tempo gehen halbwegs, mit Gepäck ist das fast nicht mehr möglich. Bin froh, mein Rad ist Top stabil und hält das aus, mein Allerwertester wird über alle Maßen beansprucht... Echt schade, man muss beim Fahren mehr auf den Weg achten als sich an der Landschaft erfreuen zu können. Es sind wohl mitunter deshalb wenig Radler und Radreisende hier oben unterwegs, gegen den Wind kann man mental ankämpfen, der Untergrund macht einen echt fertig.

Büsum ist wie die anderen Touricentren überlaufen, in der Fussgängerzone ist komplett Maskenpflicht, Laufeis und Fischbrötchen auf die Hand sind nicht erlaubt, es ist jetzt richtig heiß, die Urlauber, viele Rentner, drängen sich im Schatten aneinander wie die Schafe am Wasserloch, tapfer mit Mundschutz - schöne Ferien allerseits...

Hinterm Deich viel Naturschutzgebiete, vormals Watt, sind heute Tümpel, Seen, Heckenwälder, Grashaferwiesen, Sandornbüsche. Hab mich schon gewundert,wo das wächst, überall gibt es Sandornprodukte zu kaufen, Gsälz, Likör, etc., zwei Handvoll in den Mund, saure Vitamine, außerdem ist Brombeerzeit. Weniger Schafe, dafür ein gelbes Blütenmeer auf der längsten Wiese der Welt. Ich lande schließlich beim Camping in Wesselburenkoog an, ein kleinerer ruhiger Weiler abseits der Edelstrände, bekomme privilegierten Platz mit Kühlschrankmitbenutzung. Es gibt kein Internet und kein Funknetz. Ein bisschen 3G auf dem nahen Deich. Das hat was von komfortabler Wildnis, ich bleibe 4 Nächte. Prima sortierter Biobauernladen nah bei, Lammwurst, Schafskäse, na endlich.

Abstecher nach Wesselburen, Freitagabend hochkarätiges Orgelkonzert in der Stadtkirche, KMD Thomas Dahl aus Hamburg schlägt die historische Klapmeyerorgel. Zu hören ist Friesisches, natürlich Buxtehude, Präludium und Fuge c-moll BWV 546, Zugabe „… alle die ihn Ehren“ Charleston-like, Hochgenuss. Soll nochmal einer sagen es sei nichts geboten hinterm Deich. Schade, es hätte mehr Leute verdient als die 40 Rentner und mich.

Ausflug am Deich hoch nach St. Peter Ording ca. 25 km entfernt, nette Ortschaften, Dächer reetgedeckt, sonst alles wie geleckt. Eiskaffee und kurzer Strandcheck, schon schön, Produktpalette wie überall, ein Haufen Leute im Sand aber kein Wasser da. Irgendwie passt sich die Tide meiner Tagesplanung nicht an. Auf der Rückfahrt dann doch noch eine Badestelle gefunden mit halbwegs Wasserstand. Badestelle heißt: Treppchen über die Uferbefestigung, knietiefer Schlick in seichter Brühe, einigermaßen warm. 100m weiter draußen geht’s, ein paar Züge schwimmen, zurück an Land, Dreck abspülen, alles gut.

Nicht zu vergessen, das monumentale Eidersperrwerk unweit meines Quartiers. 10 mächtige Klappen regulieren den Wasserstand hinterm Deich und die 5 km geteerter Deich ersetzen die vormals 60 km Befestigung entlang der Eider bis weit ins Hinterland, beeindruckend. So konnten seit dem Bau in den Siebzigern selbst die bisher größten Sturmfluten abgewehrt und das fruchtbares Schwemmland für den Ackerbau gesichert werden. Gemüseland.

Noch ein holpriger Ausflug, Tönning – Friedrichstadt, längs der Eider, Sitzfleisch durchgesessen, 30°. Sonntag schattiger Ruhetag.

Wenn dieser Blogeintrag gepostet ist (sobald Internet verfügbar sein wird), bin ich schon wieder unterwegs Richtung NOK und dann an die Ostsee, angepeilt ist grob Kiel über Rendsburg, mal sehen wie die Wege sind. Ich verlasse also die Nordsee und den endlosen Deich, schön war's, interessant war's. Hab jetzt fast die gesamte deutsche Nordseeküste abgeradelt, entlang dieser gigantischen Küstenschutzanlage. Seit Jahrhunderten entstanden, immer wieder weiter ins Watt raus, immer höher, ein Wahnsinnsaufwand, früher von Hand, heute technisch raffiniert. Riesige Flächen wurden so dem Meer abgerungen und urbar gemacht. Das Prinzip immer noch das Selbe wie einst, Mensch, Tier, Haus, Hof und Landgewinn zu schützen. Mal sehen wie lange noch. Ich werd die friedlichen Deichschafe vermissen, Köttel um Köttel arbeiten die Braven Tag ein Tag aus ganz natürlich an der Deicherhöhung mit. Ewig und Unvollendet, eine blökende Kackophonie in Schiß Möhh.

 

Mittwoch, 05.08.2020

Brunsbüttel

Zeitig morgens geht es weiter, wieder liegt eine längere Etappe an, zum nächsten größeren Reiseziel, dem Nord-Ostsee-Kanal. Wieder muss ein Umweg in Kauf genommen werden, ich lerne, eine Fährverbindung von CUX-Brunsbüttel lohne sich nicht, Ausflugsschiffe gäbe es nur nach Hamburg, so geht es zunächst erst mal 60km nach Süden zur Fähre Wischhafen-Glückstadt, die man aus dem Verkehrsfunk kennt wegen der langen Wartezeiten.

Schöne Tour vor, hinter und nahe dem Deich, geht es vor dem Wind vorbei an reetgedeckten Häuschen mit schnuckligen Vorgärten, wieder auf holprigen Wegen, im Slalom um die Schafsköttel, alle paar hundert Meter durch (zu) enge Weidegatter an der Elbe entlang gen Süden. Schließlich erreiche ich das Ende der wartenden Autoschlange, fahre 2km dran vorbei und in mich hinein lächelnd entere ich auf.
Drüben wieder gegen den Wind vorbei am AKW Brokdorf erreiche ich Bunsbüttel. Der Campingplatz im Ort hat zu, was sich als Glücksfall erweisen soll, ein Anruf beim 12km entfernten Hohenkamp Campingplatz klärt auf, 24h geöffnet, Platz zur Genüge, OK. Der Campingplatz Hohenkamp ist in mehrerlei Hinsicht „herausragend“ befindet er sich doch auf einem die Ebene um über 20m überragendem Plateau, einer s.g. 'Geest' neben einem wenig frequentierten Sportflugplatz. Die ist dann auch die erste nennenswerte Bergfahrt seit Münster, vom Deich mal abgesehen. Seltsam bei Ankunft, keiner da, wenige Camper, Preisliste und weitere Informationen angeschlagen, man solle sich einen Platz suchen, Anmeldezettel und Kouverts, ausfüllen und Platzmiete bitte in den Briefkasten. Später kamen dann doch noch Walter und Susanne die ihren Platz unkonventionell betreiben, alles piekfein sauber, Hygeniemaßnahmen mit Grips und Vernunft: Devise Abstand halten, ein gratis Begrüßungsbier bekommt jeder neue Gast.

Mein Rad weckt Begeisterung und ersten Gesprächsstoff, dass ich „Es“ schon hatte begründetes Interesse und so finde ich mich am Abend in Illustrer Runde aus erlesenen Gästen und den Gastgebern bei großzügiger Bewirtung in entspannter Atmosphäre auf der privaten Terrasse wieder. Bier, Wein und jugoslawischer Birnenlikör werden gereicht, von Erfahrungen mit und ohne Corona berichtet, hier vor Ort war dessen wenig, nichtsdestotrotz ist man entsprechend vorsichtig und hält Abstand. Außer wenigen Urlaubern gibt es eine Anzahl Monteure vorwiegend Holländer die es sich in ihren kleinen älteren Wohnwägen gemütlich gemacht haben – man kann es schlechter haben... Optisches Highlight ist das Gefährt eines Lehrerpärchens aus Wangen (i.A.), eine LKW-Zugmaschine mit so einem kleinen runden Miniwohnwagen auf dem Auflieger, das ganze quitschorange, hochglanzlackiert, einzigartig. Wer das mal zufällig irgendwo sieht, dem fällt das sofort ins Auge. Sachen gibt...

Der überaus nette und feucht fröhliche Abend einerseits, Ruhe und einmalige Lage des Platzes andererseits lassen mich hier 2 Tage verweilen, Klamotten müssen mal maschinengewaschen werden und Stress irgendwo hin zu müssen hab ich ja keinen.

Den ersten Tag nutze ich um die Schleusenanlage in Brunsbüttel zu besichtigen. Ich habe Gelegenheit zu einer Führung und man erfährt Vieles, hauptsächlich zum Bau der neuen 5. Schleusenkammer, eine Wahnsinnsbaustelle. Baulogistisch aufregend, auf einer Insel zwischen den 4 bestehenden Kammern muss alles über eine ausgediente Rheinfähre rangeschafft werden, jeder Kübel Beton für die 7(!)m dicke Grundplatte und die 4m dicken Seitenwände jedes Stück Stahl für die Armierung und was noch alles.
Geschichtlich interessant, ich bin schon am Tag davor mit der Fähre über den Kanal und hab mich noch gewundert dass der Fährmann den Obolus nicht einfordert. Dies wurde schon beim Bau vor 125 Jahren verfügt, da der Kanal Ortschaften und und Landbesitz durchschnitten hat muss das Fährgeld aus den Einnahmen des Kanals erwirtschaftet werden und die Fährfahrt ist seither gratis für Jedermann.
Apropos Einnahmen, der Kanal ist durch den eingebrochenen Welthandel nur noch weniger als 50% frequentiert. Mit ein Faktor zusätzlich, ist der Einbruch des Ölpreises der die Fahrt um den Skagerrak trotz höherer Zeitaufwand günstiger macht. Die Bundesregierung hat deshalb verfügt, bis Ende des Jahres ist die Kanalfahrt kostenlos um die Kundschaft nicht auf immer zu verlieren. Die durchfahrenden Schiffe dürfen wegen der Hochbrücken eine Höhe von 40m über Wasser nicht überschreiten, deshalb sind es nicht die richtig großen Pötte die hier durchkommen. Vielmehr sind es Schiffe die für den Transport von Waren von und zur Ostsee ausgelegt sind, um diese den Überseehäfen in Hamburg, Bremerhaven oder Rotterdam zuzuführen. Ich werde später noch einmal an den Kanal zurückkehren, dann gibt es sicher noch mehr zu erzählen.

Ich schaue mir noch eine Weile das Wimmelbild aus Bautätigkeit, Klappe auf Klappe zu, Schiff rein Schiff raus an, Lotsenboote fahren aus und holen und bringen Schleusenpiloten und Lotsen auf die Ein- und Ausfahrenden Schiffe, auf dass niemand unbedarft gegen die Schleusentore donnert. By the way, es kommt dann doch Gelegentlich vor, dass einer nicht rechtzeitig bremst und dagegen schippert. Es geht allenthalben eng her im Schleusenbereich, es knallt wohl tatsächlich ab und zu mal ganz ordentlich.

Den Waschtag nutze ich noch für einen Spaziergang durch die Gegend, Erklärtafeln erklären: die Geest, das Plateau auf dem sich der Campingplatz befindet, ist ein Rest eiszeitlichen Geschiebes dass zur fernen Nordsee hin in einem s.g. Klev steil abfällt. Vor 7000 Jahren war dies Küstenbereich, die See hat das Gelände abgefressen und das Material bildet heute das untenliegende Marschland. Am Klev finden sich Quellen mit Trinkwasser, dies war wichtig für Mensch und Tier, da das Wasser in der Marsch selbst ungenießbar ist. Was bleibt ist herrlicher Fernblick und die Gewissheit von Walter und Susanne dem steigenden Meeresspiegel noch etwas länger als Andere standhalten zu können.

Kein Möwengeschrei, kein Wildtaubengegurre, keine Kinderbespaßung, wenig Wind: bin also Bestens erholt, morgen geht’s nochmal für ein paar Tage an die Nordsee - es scheint Badewetter zu werden.

 

Samstag, 01.08.2020

Cuxhaven

Schöne aber lange Etappe nach Cuxhaven, eigentlich war gedacht mit der Fähre direkt über zu setzen, eine Fähre gibt es, fährt aber leider zur Zeit nicht, so dann halt über den Landweg um den Jadebusen herum. Eine Fähre über die Weser gibt es dann etwas südlich von Bremerhaven, die nehme ich und habe so doch noch die Gelegenheit staunend durch die schier endlosen Hafenanlagen des Überseehafens zu fahren. Von der Straße aus kann man Vieles entdecken, die Laderäume der riesigen Überseepötte haben die Laderampen weit offen und verschlingen die mannigfaltigen Güter des Exportweltmeisters, zahllose Autos, LKWs, Bau- und Landmaschinen aller Hersteller, verpackte Maschinenteile, Sonderfahrzeuge uvm. warten darauf in die weite Welt verbracht zu werden. Container unbekannten Inhalts werden von riesigen Fahrkränen hin und her bewegt, ein laden und löschen dass es einem ganz wirr im Kopf wird. Die Beschriftung der Container, vor allem die von Hapag und Merks künden vom emsigen Welthandel. Ein mords Kreuzfahrtschiff steht leer am Kai und wartet...

Es stinkt furchtbar nach Öl und Abgasen der liegenden Schiffe, ich bin das nach der Seekur der letzten Tage nicht mehr gewohnt, so verlasse schnell diesen Ort, imposant ist es ja...

Mit kräftig Gegenwind quer durchs Hinterland erreiche ich schließlich mein Tagesziel. Es waren dann für den Tag weit über 100km, der Akku bis auf den letzten Tropfen leer, meiner allerdings auch. Campingplatz finde ich in Sahlenburg, etwas westlich von CUX. direkt am Strand. Der Platz ist Ok, engstens parzelliert, hauptsächlich Dauercamper, einigermaßen windgeschützt, eigene Parzelle, Strom und leidlich Internet incl. Man will unter sich sein, auch gut.

Schön ist, eigener Zugang zum gepflegten Sandstrand und was für einer... Ich laufe bei Ebbe ein, 12km Watt bis hin zur Insel Neuwerk, so was hatte ich bisher noch nicht. Weit draußen sichtbar Pferdewägen für Wattfahrten von starken Arbeitspferden gezogen, Spaziergänger kaum noch auszumachen in der Ferne, Reiter preschen durch Pfützen auf festem Schlick, das schaut nach richtig Spaß für Ross und Reiter aus. Mir macht es auch Spaß, ich lauf weit raus, man könnte bis zur Insel laufen käme einem nicht die Flut entgegen. Später schaue ich (in Ufernähe) nochmal genau wie schnell einem das Wasser entgegen kommt und stelle fest: sehr schnell. Erwischt es einen weiter draußen ist man so was von weg vom Fenster. Irgendwann ragt man dann bestenfalls noch als bleiches Gerippe, die Arme um den Hals seines skelettierten Schimmels geklammert aus dem Watt. Das lassen wir also, schließlich möchte ich mir die Stadt noch anschauen.

CUX ist als Touriort für Massen ausgelegt. Viel Strand, viel Hafen, viel Leute. Die alten Docks haben in ihrer Funktion als Lagerräume weitgehend ausgedient, wo früher Fisch gehandelt wurde finden heute Heilpraktiker, Fußpflegesalons, Fitnessstudios, Fabrikverkauf und Restaurants ihr auskommen. Am neuen Fischmarkt finde ich dann auch endlich mal einen vernünftigen Laden (es gibt derer Mehrere) mit anständigen frischem Fisch. Sonst gibt es halt überall Backfisch mit Remoulade, sauer Eingelegter oder Geräucherter. Für Nordseekrabben gar, frisch vom Kutter, steht man stundenlang an. So kaufe ich kräftig ein, ein winziges Schälchen frischer Krabben für 9€ darf es schon sein, 2 schöne Fischfilets die ich am Abend schön, nur mit etwas Pfeffer, Salz in Knoblauchbutter auf der Haut brate – Haute Cuisine!

Sehenswert am Hafen das Steubenhöft und die Hapag-Hallen. Von hier aus stachen die Dampfer der Atlantiklinie in See, eine Ausstellung gibt Aufschluss über Auswandererschicksale und erzählt die Geschichten der legendären Oceanliner aus frühen Tagen. Auch heute legen hier moderne Kreuzfahrtschiffe an und ab, im Moment ist es allerdings eher ruhig um die Branche.

Radkreuzfahrten sind weiterhin möglich, viele Leute hab ich genug gesehen und bevor ich noch den Wattkoller kriege schwing ich die Hufe und fahre weiter gen Norden.