Mittwoch, 19.08.2020

Bargteheide, Lübeck, Hamburg und dann ab gen Süden

Unter Bargteheide kann man sich wohl weniger was vorstellen, kein erklärtes Traumurlaubsziel, für mich aber ein besonderes Highlight der Reise. Liebe Freunde, schöne, kluge, witzige Gespräche im „geschützten Raum“. Nachdem ich über die ganzen Wochen nur wenig ansprechende Konversation hatte, halt fast nur mit den Beherbergungsleuten, Reise- und Versorgungsdiensteistern oder ggf. mal ein Smalltalk über das Übliche mit anderen Reisenden, so war das natürlich sehr angenehm, auch mal wirklich „zu Gast“ zu sein, sich zurücklehnen zu dürfen, für ein paar Tage eine richtige Heimat zu haben. Unvergesslich, vielen lieben Dank.

Der Weg dorthin war unspektakulär, schöne Landschaft in Schleswig Holstein, Genussradeln wenn nicht die Wege... Etwas Nettes gab es trotzdem, zwischen Neumünster und Bad Segeberg wird die B 205 neu gemacht, geteert ist schon aber es ist noch gesperrt für KFZ, eigentlich komplett... Samstag arbeitet niemand, ich kurz durch die Hecken, den Graben und Schwupps, 20km Highway vor mir, jungfräulicher Macadam, schwarz, glatt wie Speckstein, ganz alleine für mich, quasi ein roter Teppich für den geschundenen Radreisenden. Schöne Slalomfahrt über die ganze Breite, Glücksmomente, unbeschreiblich. Ach könnte es doch immer so sein...

Wer's nicht weiß, Bargteheide liegt zwischen Hamburg und Lübeck, wer zufällig hinkommt und Wert auf lecker Eis in großen Kugeln legt sollte die bahnhofsnahe Eisdiele aufsuchen. Die Bahnanbindung ist pendlergerecht in beide Richtungen, so sind meine Tagesausflüge quasi von selbst organisiert.

In Lübeck war ich noch nie, das 50-Demarkschein-Tor kennt man, wer nach drinnen will, mit 8€ ist man dabei. Interessant drinnen ist das Stadtmodell, ein bisschen wissenswertes zur Historie gibt’s auch, aber eher bescheiden. Es ist Montag, Museen sind zu, Kirchen sind offen, schlendern durch die Gassen. Einiges an Substanz hat den Krieg überstanden, an den typischen engen Durchgängen zwischen den Häuserzeilen die Bitte angeschlagen, wegen Einhaltung der Abstandsregeln auf Betreten zu verzichten. Voll in Ordnung. Ansonsten, lebendige Stadt, normales Leben scheint möglich trotz Touris, normale Geschäfte für alltägliches, nette ruhige Ecken, lauschige Plätze, Studentenleben. Hanseatisch schlichter Prunk, vordergründig gleiches Baumaterial wie profaneres, nur eben größer und im Dekor diskret prunkvoller. Dies und teure Nippesläden bezeugen, Gelder sind vorhanden heute wie einst.
Hohe Kirchtürme, die Backsteingotik nach immensen Kriegsschäden geflickt, neu aufgebaut, teils krumm und schief. Auffällig viele Stolpersteine... Ein Highlight, zufällig gesehen beim Besuch der Aussichtsplattform auf dem Turm von St. Petri (unbedingt!): Die Kirche ist Kunstraum, aktuell installiert, ein Bällebad für Erwachsene. Der Kirchenraum angefüllt mit aufblasbaren bunten Bällen ca. 2,5 m hoch, man kann sich durchzwängen, die Bälle wegschieben, alles bewegt sich, man schiebt in die eine Richtung, der Impuls setzt alles in Bewegung, drängt sich Dir entgegen, plötzlich sind alle Auswege verstellt, ein ganz anderer Weg tut sich auf, Richtungswechsel, ein Irrgarten. Wie im richtigen Leben, eben.

Noch ein Ausflug, Hamburg. Hätte ich eigentlich ausgespart, das einzige wäre ein Sinfoniekonzert in der „Elpi“ gewesen, aber abgespecktes muss nicht sein. Andererseits war ich natürlich schon neugierig, das letzte Mal war ich hier vor 23 Jahren. Seither ist einiges passiert. Die ganze Hafencity gab's noch nicht, der Raum südlich der Speicherstadt war runtergekommenes Industriegelände und Lagerplatz. Viel Gerümpel. Jetzt ist dort eine ganze neue Stadt entstanden, vom Reißbrett. Nicht ganz übel, es entsteht Infrastruktur, Kneipen, Backshop, Bioladen und die unvermeidlichen Bars und Lounges für den Afterworkburner, sprich, das Feierabendbier der modernen KontoristInnen.

Bemerkenswert ist, es gibt zwar breite Straßen, der Autoverkehr ist aber eher untergeordnet, Fußwege, Plätze, Kanäle, Quais, überall hängen Leute ab, modernes, hippes Leben, hippes Wohnen, Elektroscooter. Die Architektur der Gebäude muss einem gefallen, zeitgemäß und ordentlich teuer. Immowelt gibt bekannt: Loft, 149m² 8,4 Millionen... Da ist man auf Augenhöhe mit den Kapitänen der Luxuskreuzfahrer, doch wenn diese aufs Gas drücken kommt ordentlich was rüber geweht. Sag nochmal einer Geld stänke nicht... Trotzdem beeindruckend. Meine Reisekasse erlaubt ein kleines Pils in der Mönkebergstraße - nein, ich möchte nicht tauschen.

Die Pause in Bargteheide hat sehr gut getan. Der erste Frühnebel drängt den Zugvogel zum Aufbruch gen Süden. Körper und Geist sind frisch gestärkt, Fahrrad ist geputzt, Kette ist gereinigt und geölt, Akkus sind geladen, die Heimreise beginnt.