Mittwoch, 26.08.2020

Heimreise 02, Bodenwerder - Hann. Münden – Bad Hersfeld – Gedern

Früh geht es weiter flussaufwärts, den wirklich super ausgebauten und perfekt beschilderten Weserradweg entlang der Weser. Die Steigung ist sanft und es ist nicht zu warm, ideales Fahrradwetter – bis auf den Gegenwind der mittlerweile Nordseequalität erreicht hat. Das ist schon etwas frustrierend, egal in welche Richtung ich fahre, es bläst mir direkt ins Gesicht – jedenfalls meistens. Doch schon die Frühjahrestürme in Brandenburg und MeckPomm haben mich nicht entmutigt außerdem will ich heim und solange es nicht auch noch regnet geht’s ja. Landschaftlich ist die Strecke wirklich toll, erinnert an das Obere Donautal, Holzminden, Höxter, Bad Karlshafen heißen die Orte wo es Kaffee und Kuchen gibt. Nette aufgeräumte, dem Touristen gefällige Fachwerkromantik, sonst auf den zweiten Blick eher strukturell mau. Etwas Landwirtschaft im Tal, Traktoren die staubige Äcker pflügen – wie überall. Ich würde sogar klaglos nass werden, Hauptsache mal wieder Wasser für Wald und Feld.

Relativ spät und nach ca. 120km erreiche ich Hannover Münden wo sich Werra und Fulda zur Weser vereinigen. Die Werra war in den 80ern wie ich mich noch gut erinnern kann, eine tote Kloake, ungeklärte Abwässer aus der Düngemitteleproduktion flossen aus dem Arbeiter und Bauernstaat ungehindert über die Grenze, noch heute werden die Grenzwerte knapp gerissen in der Hoffnung dass sich dass schon irgendwie verdünnt, tut es aber nicht.


Ich steige ab im Fachwerkhotel Eisenbart, ein neu und tipptopp renoviertes Haus, selbst der Fachmann staunt über die kreativen Lösungen, ein Aufzug wurde in das verschachtelte Gebälk gepfrimelt, perfekter Schallschutz, edle Materialien und von Könnerhand gezogene Putz- und Streichkanten an den Materialübergängen, Silikonfugen wie man sie selten sieht, ein rundum gelungenes Werk, Chapeau! Und gute neue Matratzen. Es ist Sonntag, als ich ankomme noch sehr viele Leute auf der Straße, unter großem altem Fachwerk es gibt reihenweise Eisdielen. Später auf Abendessensuche, Gehsteige hochgeklappt, beim Pizzaimbiss fündig geworden, Quattrofromggio, ich bejahe die Frage nach meiner Zufriedenheit und der wirklich nette Pizzabäcker gibt zur Antwort: „Gott sei Dank.“ - Was immer das heißen mag...

Die nächste Etappe führt mich die Fulda hoch über Kassel nach Bad Hersfeld. Durch Kassel bin ich schnell durch, nur kurze Wasseraufnahme, Metropolen meiden heißt die Devise. Der Fuldaradweg hat etwas mehr fiese Rampen, das schenkt sich aber hoch wie runter nicht viel. Guter Asphalt sorgt trotz immer heftigeren Gegenwinds für super Akkureichweite, ich bin dadurch etwas leichtsinnig geworden was sich noch zeigen wird. Die Landschaft ist ähnlich wie an der Weser, schön aber unspektakulär. Man hört ab und zu die nahe A7, die Brückenbauwerke der ICE Strecke queren das Tal. Radstrecke meist auf Wirtschaftswegen der nach dem Brückenbau durchgeführten Flurbereinigung im Zick Zack. Bei Beiseförth gibt es eine Fahrradfähre wo man sich mit einem Hängekäfig selbst über den Bach kurbeln darf. Das macht Spaß, einer alleine hat da ganz schön war zu driebeln, fast am Ziel packt mich eine Windboe und es schaukelt bedenklich – bester Funfaktor. Rettungsring und Notrufnummer sind an der Gondel angebracht...

Es läuft ganz gut, so dass ich auf die Etappe noch 30km mehr drauf packe als geplant. 10km vor Bad Hersfeld muss ich den Strombetrieb massiv einschränken, teils ohne, teils im ECO-Modus mit fast keiner Unterstützung quäle ich mich die letzten Meter in die Stadt, das Ganze endet fast wie ein Jamesbondshowdown - Range: 4km... So kanpp wars noch nie, doch ich kann zufrieden sein - über 130km mit Gepäck, Gegenwind und sanft zwar doch stetig bergan – Sauber gschafft!

Hotel am Park, einfach nett und unkompliziert. Astreines Radlerfrühstück mit Superfoodbereich. Spaziergang durch den Ort - romanische Klosterruine mit Frei-Otto-Bedachung für Bad Hersfelder Festspiele, Luther war auch schon da und hat trotz Verbot heimlich gepredigt – morgens um fünf – es waren wohl schon Leute munter, sonst wüsste man das ja heute gar nicht... Der hiesige Pizzamann spricht mich mit „Sir“ an – nach jedem Satz – muss wohl eine Verwechslung sein...

Würde ich der Fulda weiter folgen würde ich zu weit in den Osten abgedrängt, hier drohen die Täler von Main, Jagst, Kocher, Tauber und Rems die es zu queren gäbe um irgendwo im Nirwana der Ostalb zu landen – ich kenn mich da aus. Ich will auf jeden Fall den Großraum Stuttgart umfahren und entdecke den s.g. Vulkanradweg der auf ehemaligen Bahnstrecken vom Fuldatal nach Hanau führt. Ist zwar auch nicht der direkte Weg, klingt aber interessant.

Supergefooded geht es noch eine Weile an der Fuda entlang, bei der Burgenstadt Schlitz biegt man nach Westen ab um vom „Schlitzerland“ die Höhen des Vogelsberg zu erreichen. Das ist jetzt wirklich fast der reizvollste Abschnitt meiner Tour, sehr einsam, ab und zu kämpfen sich ein paar unentwegte Radler mit mir gegen den Wind, die Strecke geht in weiten Schleifen, mit den üblichen 2-3% über die sanften Bergrücken, auf Flüsterasphalt durch karge steinige Basaltäcker, Magerwiesen, Eichenwälder, tolles Sicht auf die Röhn. Waldschadensbericht bestätigt. Die Bahn brachte bis zur Stilllegung Mitte der 80er etwas Wohlstand hier herauf, Holzhandel, Milchwirtschaft, Kleinindustrie, Basaltbrüche, in früheren Zeiten Erzbergbau, heute ist es ruhig geworden hier oben. Wo heute etwas Tourismus ist, kam weiland Luther durch, auf seinem Weg von Worms zur festen Burg nach Eisenach. Irgendwo bei Rixfeld, mords Anlage auf der Wiese dicke Rohre aus dem Boden, was ist das den... Eine Erdgas-Verdichterstation – Ahh-Ja! Höchster Punkt.

Dann irgendwo bei Hartmannshein ist die Wasserscheide zum Rhein hin erreicht, bei dem ehemaligen Holzverladeplatz senkt sich der Weg leicht ab und die nächsten 12 km bis Gedern kann ich es laufen lassen, ohne Treten, mein hohes Transportgewicht, welches so nachteilig bei der Bergwertung, teilt den Wind wie Moses das Meer, ich kann es fast nicht Glauben, nach den hunderten Kilometern seit NN.

Ich steige ab in der romantischen Villa Geriwada, ein Gästehaus in der alten Hofapotheke von 1728 dem Schlosshotel zugehörig. Auch neu und gut renoviert, etwas zu verspielt, Kronleuchter aus Blech in Antikoptik, Einrichtungsnippes honeymoonlike. Egal. Frühstück gibt es im Schloss, immer wieder erstaunlich wie klein Frühstücksteller sein können, Müslischalen pittoresk Aristokrat, nicht wie für radelnde Schwerstarbeiter gemacht. Im Restaurant des Abends, etwas zu teures Corona-Notmenü + 2.50€ Hygieneaufschlag. Für diesmal OK.
Mittwochabend meine Quattrofromaggio beim Dönermann - ohne Aufschlag.

Die Matratze ist gut, es ist ruhig, draußen tobt Kirsten das Tal hinauf, so mache ich hier meinen Ruhetag, Gedern selbst, schmucklos aber funktional, das Schloss hebt sich von allem ab. Spaziergang rund um den Ort, Wissenswertes über die Gegend, Geologie, Basaltsteinbruch Geotop, Einblick in Erdgeschichte und Nutzung von Basaltgestein. Aussichtspunkt, Blick zum Taunus, zum Maintal bis Frankfurt. Museum im Schloss, Ausstellung und Topographisches Model der Vogelsbergbahnline, interessant und gut gemacht. In der Remise ist eine Seifensiederei untergebracht mit experimentellen Sorten, da duftet es vielleicht...

Morgen geht es weiter bergab Richtung Rhein/Maingebiet, ich glaube ich nehme meine eigene Müslischüssel mit zum Frühstück – sonst komm ich nicht weit...